David Barnard Steinman

11.06.1886 - 21.08.1960

1886 Geburt in Chomsk (heute Weißrussland)
1890 Emmigration in die USA
1906 Beginn des Studiums an der Columbia Universität
1909 Abschluss als 'Civil Engineer'
1910 Lehrtätigkeit an der Universität von Idaho
1914 Mitarbeiter im Büro Gustav Lindenthals
- Hell Gate Brücke
- Sciotoville Brücke
1920 Gemeinsames Büro mit Holton D. Robertson
1926 Hercilio Luz Brücke (Florianopolis / Brasilien)
1931 Waldo Hancock Brücke (Bucksport / USA)
1948 Sanierung und Umgestaltung der Brooklyn Bridge
1957 Eröffnung der Mackinac Strait Bridge
1960 Tod in New York

David B. Steinman war einer der bedeutendsten amerikanischen Brückenbauer des frühen 20. Jahrhunderts. Mit seinem Büro baute er Brücken in der ganzen Welt und setzte sich schließlich mit der Mackinac Strait Brücke selbst ein Denkmal

David B. Steinman wurde am 11. Juni 1886 in Chomsk (heute Weißrussland) geboren. Über Steinmans Geburtsort gibt es in der Literatur allerdings reichlich Verwirrung. In einigen Veröffentlichungen werden New York oder sogar Litauen genannt, während er selbst in einem offiziellen Reisedokument aus dem Jahr 1923 angibt, er sei im Juni 1887 in Polen zur Welt gekommen. Sein Vater sei im darauffolgenden Monat nach Amerika ausgewandert, während er selbst mit seiner Mutter erst 1890 in die USA gekommen sei. 1 Diese Version, zumal von ihm selbst dokumentiert, darf man wohl als zutreffend ansehen. Zur Zeit seiner Geburt war Chomsk russisch, wurde aber einige Jahre nach Steinmans Ausreise polnisch. Die abweichenden Angaben zu seinem Geburtsort sind vermutlich in der wechselvollen Geschichte seiner Heimatstadt begründet. 2 In seiner Biografie geht Steinman nicht auf diese Widersprüche ein, wie überhaupt seine Eltern, Eve und Louis Steinman, sowie seine sechs Geschwister auffallend wenig Raum in seinen Aufzeichnungen einnehmen.

Die Williamsburg Bridge (1903) war die zweite Brücke über den East River

Wie auch immer dem sei, Steinman verbrachte jedenfalls fast seine vollständige Kindheit in Brooklyn / New York. Die Familie lebte in einer kleinen Wohnung am East River, in unmittelbarer Nähe der Brooklyn Bridge. Diese damals als "Weltwunder" bezeichnete Brücke war vier Jahre vor Steinmans Geburt vollendet worden und noch immer die Brücke mit der größten Spannweite der Welt. Steinman sagte später, es sei für ihn ein Wink des Schicksals gewesen, im Schatten dieses gewaltigen Bauwerks aufzuwachsen. Die Brooklyn Bridge habe bereits in frühester Jugend in ihm den Wunsch geweckt, eines Tages Brückenbauer zu werden. Sie blieb für Steinman lebenslang eine besondere Brücke und sollte ihn auch im Berufsleben immer wieder beschäftigen.

Die Faszination der East-River-Brücken

Aber noch ein anderes Ereignis in seiner unmittelbaren Nachbarschaft dürfte zu diesem Berufswunsch beigetragen haben: der Bau der Williamsburg Brücke, den er als Jugendlicher aus nächster Nähe verfolgte. Sie war die zweite Brücke über den East River und besteht vollständig aus Stahl. Die Bauarbeiten begannen 1896 und wurden am 19.12.1903 mit der feierlichen Einweihung abgeschlossen. Der Anfang des 20. Jahrhunderts war in Amerika ohnehin eine Zeit, in der viele bedeutende Großbrücken errichtet wurden. In seiner Biografie bezeichnete Steinman die beiden Brücken später sogar als seine "Ersatzeltern", was immer er damit auch gemeint haben mag.

Steinmans Vater arbeitete in einer Fabrik und wie die meisten Immigranten war die Familie sehr arm. Für die Kinder reichte es daher nicht zum Besuch guter Privatschulen, sodass David das City College of New York besuchte. Allerdings arbeitete er schon hier sehr hart für seinen Erfolg und zeigte vor allem in den mathematischen Fächern hervorragende Leistungen. In seiner Freizeit ging er einem typisch amerikanischen Hobby nach und wurde "Scoutmaster" bei den Pfadfindern.

Seine Schulausbildung beendete er im Jahre 1906 "summa cum laude" und mit der Zulassung zu einem technischen Studium. Von Anfang an war es sein Wunsch gewesen, an der renommierten Columbia Universität zu studieren. Auch das Studium absolvierte er ausgesprochen ehrgeizig. Er beendete es in der kürzest möglichen Studienzeit und wurde im Jahre 1909 von der Universität zum Civil Engineer ernannt.

Beginn einer großartigen Karriere

Die Universitäten erkannten sein Talent schon sehr früh und bereits im Jahre 1910 folgte Steinman einem Ruf an die Technische Universität in Moscow (Idaho). Er war damals Amerikas jüngster Professor für Ingenieurwissenschaften. Während seiner Zeit in Idaho schrieb er mehrere Fachbücher über die Theorie der Bogen- und Hängebrücken. Da seine Mutter österreichischer Abstammung war, beherrschte er auch die deutsche Sprache recht gut. Das prädestinierte ihn dafür, zwei wichtige deutschsprachige Fachbücher in das Englische zu übersetzten. Eines davon war das bekannte Werk des Wiener Professors Joseph Melan: "Theorie des Bogen- und Hängebrückenbaus".

Im Laufe der Zeit realisierte Steinman jedoch immer mehr, dass ihn die theoretische Beschäftigung mit dem Brückenbau nicht wirklich befriedigte. Der Wunsch selbst Brücken zu bauen wurde immer drängender. Um diesem Ziel näher zu kommen schrieb er 1914 einen Brief an Gustav Lindenthal, der zu dieser Zeit der wichtigste Brückenbauer Amerikas war. Lindenthal war unter anderem gerade damit beschäftigt, die Hell Gate Brücke in New York zu bauen und konnte einen kompetenten Mitarbeiter gut gebrauchen. Steinman war ihm durch seine Veröffentlichungen durchaus bekannt und Lindenthal gab ihm den Job. Dies war der Einstieg David B. Steinmans in eine der erfolgreichsten Brückenbaukarrieren Amerkias.

Steinman blieb sechs Jahre in Lindenthals Büro und war neben dem Bau der Hell Gate Brücke auch noch an weiteren Großprojekten beteiligt, darunter z.B. die Sciotoville Brücke (1917), einer großen Stahlfachwerkbrücke über den Ohio River. In Gustav Lindenthals Büro waren damals einige der talentiertesten Brückenbauer ihrer Zeit versammelt. Steinman lernte hier einen Mann kennen, aus dem ebenfalls ein genialer Brückenbauer werden sollte und der für den Rest seines Berufslebens zu seinem ständigen Rivalen wurde: den ehemaligen Schweizer Othmar H. Ammann.

Eigenes Büro mit Holten D. Robinson

Die Hercilio Luz Brücke in Florianopolis / Brasilien

1920 erhielt Steinman ein Angebot von Holten D. Robinson (1863 - 1945), der mit seinem Büro schon maßgeblich an der Entstehung der Williamsburg Brücke beteiligt gewesen war. Robinson hatte den Auftrag für den Bau der Hercilio Luz Brücke in Florianopolis /Brasilien in der Tasche und benötigte einen kompetenten Partner. Steinman sah jetzt die Chance gekommen sich endlich unabhängig zu machen und sagte zu. Die beiden Ingenieure gründeten das international tätige Büro Robinson & Steinman, das bis in die 40er Jahre bestand und sehr erfolgreich war. Von der Partnerschaft der beiden Ingenieure sind keinerlei Verträge oder sonstigen Dokumente bekannt. Offensichtlich wurde die Partnerschaft per Handschlag besiegelt und die beiden Männer teilten sich sowohl die Arbeit als auch den Gewinn je zur Hälfte. Die Hercilio Luz Brücke wurde 1926 fertig gestellt und war weltweit eine der letzten Hängebrücken, bei der auch Ketten verwendet wurden. Sie hat eine Hauptspannweite von 340 m und ist damit die am weitesten gespannte Kettenhängebrücke der Welt. Das Tragwerk der heute noch unter Verkehr stehenden Brücke besteht aus einem am Obergurt parabolisch geformten Stahl-Fachwerkträger, der an den Ketten aufgehängt ist.

Bereits ein Jahr später bauten Robinson und Steinman die Carquinez Strait Bridge, eine der großen Auslegerbrücken, in Vallejo (Kalifornien). In den kommenden Jahrzehnten war Steinman überaus produktiv und sowohl mit seinem Partner als auch in alleiniger Verantwortung an rund 400 Brückenprojekten weltweit beteiligt. Neben den bereits erwähnten Brücken gehören die Mount Hope Bridge auf Rhode Island (1929), die Waldo Hancock Bridge in Maine (1931) und das Thousand Islands Bridge System (1938) über den St. Lorenz-Strom (Kanada) zu seinen bekanntesten Bauwerken.

Als Steinman 1948 in seiner Heimatstadt New York den Auftrag erhielt, die Brooklyn Bridge zu sanieren und an die neuen Verkehrsverhältnisse anzupassen, war dies eine ganz besondere Herausforderung und für ihn auch eine Herzensangelegenheit. Im Zuge der Bauarbeiten wurden unter anderem die Geleise für die Straßenbahn entfernt, um mehr Platz für den stetig zunehmenden Straßenverkehr zu schaffen. Steinman ging äußerst behutsam vor und schloss die Instandsetzungsmaßnahmen mit den geringstmöglichen Veränderungen am äußeren Erscheinungsbild der Brücke ab. Auch der berühmte oberhalb der Fahrspuren liegende Gehweg blieb dabei erhalten. Eine bekannte Fotoserie von Steinman zeigt ihn, wie er im Gewirr der Halteseile der Brooklyn Bridge umherklettert.

Sein größtes Projekt: die Mackinac Strait Bridge

Zum würdigen Abschluss und gleichzeitig dem größten Projekt seiner Karriere wurde aber der Bau der Mackinac Straits Bridge. Die Mackinac Straits ist eine 6,4 km breite Wasserstraße, die ganz im Norden der USA den Michigansee mit dem Huronsee verbindet. Bei der Ausschreibung für diese Brücke traf Steinman zum letzten Mal auf seinen großen Kontrahenten Othmar H. Ammann. Die Auftraggeber des Mackinac Straits Projektes ließen sich von den beiden Ingenieuren und einem dritten Brückenbauer namens Glenn Woodruff Vorschläge für eine Brücke unterbreiten. Steinman machte das Rennen und durfte zwischen 1954 und 1957 eine beeindruckende Hängebrücke mit einer Hauptspannweite von 1.158 m Länge bauen. Nach ihrer Fertigstellung hatte sie, nach der Golden Gate Bridge in San Francisco, die zweitlängste Spannweite der Welt. Durch die enormen Seitenfelder von jeweils 549 m, sind die Gesamtdimensionen der Mackinac Brücke allerdings wesentlich größer. Ihre Gesamtlänge zwischen den beiden Ankerblöcken beträgt immerhin 2.626 m und wird bis heute nur von wenigen Hängebrücken übertroffen.

Noch unter dem Eindruck den der Einsturzes der Tacoma Narrows Bridge verursachte, ordnete Steinman einen gewaltigen Versteifungsträger an, der 12 m hoch war und 6 m breiter als der Fahrbahnträger selbst. Dadurch wirkt die Brücke sehr massiv und vermittelt dem Benutzer ein beruhigendes Gefühl von Sicherheit. Es entspricht Steinmans Sinn für Ästhetik, dass er die 168 m hohen Türme der Brücke mit feinen Ornamenten verzierte und auch die farbliche Gestaltung des Bauwerkes in seine Überlegungen mit einbezog. Alle vertikalen Teile der Brücke, also die Türme und Pfeiler, wurden elfenbeinfarben gehalten, während das Tragwerk und die Kabel grün angestrichen wurden. Hier unterschied er sich deutlich von Ammann, der gerne die schnörkellose, technische Seite seiner Bauwerke in den Vordergrund stellte. Ein Vergleich mit der sieben Jahre später fertig gestellten Verrazano Narrows Bridge belegt dies.

Die Mackinac Brücke war Steinmans letztes großes Projekt, wenn sein Büro auch kurz vor seinem Tode noch den Auftrag zum Entwurf der ersten Tejobrücke in Lissabon erhielt. Obwohl die "Ponte 25. de Abril" erst 6 Jahre nach seinem Tod vollendet wurde, konnte er noch maßgeblich auf die Gestaltung der Brücke Einfluss nehmen, denn sie wirkt (nicht nur wegen der Ähnlichkeit mit der Golden Gate Bridge) überaus "amerikanisch". Ein Entwurf Steinmans für eine Brücke über die Straße von Messina, mit einer für die damalige Zeit fast unvorstellbaren Spannweite von 1.500 m, wurde nicht verwirklicht.

Der Mensch hinter dem Brückenbauer

Trotz seiner großartigen Brücken wird man dem Menschen David B. Steinman mit der reinen Reduzierung auf den Brückenbauer nicht vollständig gerecht, denn er beschäftigte sich gerne auch mit künstlerischen Dingen. Zu seinen Hobbys zählten z.B. die Fotografie und das Filmen. Ein von ihm entwickeltes Verfahren zur dreidimensionalen Fotografie wurde von einem Hollywoodstudio aufgekauft. Steinman war auch der erste Vorsitzende des größten amerikanischen Ingenieurverbandes, der "National Society of Professional Engineers".

Der Ponte 25. de Abril in Lissabon / Portugal mit versteiftem Fachwerkträger

Wann immer es seine Zeit zuließ, widmete er sich der schriftstellerischen Tätigkeit. Neben zahlreichen Fachbüchern und Aufsätzen schrieb er auch poetische Literatur und wurde der erste Biograf seines großen Vorbildes Johann A. Roebling. Sein 1945 erschienenes Werk "The builders of the Bridge" beschreibt die wechselvolle Familiengeschichte der Roeblings und die dramatischen Ereignisse um den Bau der Brooklyn Bridge. Das Buch erschien 1950 erstmals in einer deutschsprachigen Ausgabe unter dem Titel "Brücken für die Ewigkeit".

Steinman war davon überzeugt, dass die Begüterten und Erfolgreichen die Verpflichtung haben, die weniger vom Glück begünstigten Menschen zu unterstützen. Er nannte dies eine "moralische Kettenreaktion". In Erinnerung an seine bescheidene Kindheit, richtete er mit seinen privaten Mitteln mehrere Pfadfinderlager ein und spendete immer wieder viel Geld für Schulen, Universitäten und karitative Zwecke, meistens für Kinder. Außerdem gründete er die D.B. Steinman-Stiftung, die vielen Studenten den finanziellen Rückhalt für ihr Studium bot.

David B. Steinman hatte am 09.06.1915 Irene Stella Hoffmann geheiratet, die nach verschiedenen Quellen österreichischer Abstammung war. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Steinman starb am 21. August 1960 im Alter von 74 Jahren in New York.

1 Antrag vom 13.11.1923 für eine Reise nach Australien. Zu dieser Zeit war Chomsk polnisch. (familysearch.org)

2 Das heutige Chomsk (oder Khomsk) liegt etwa 100 km östlich von Polen und 40 km nördlich der ukrainischen Grenze. Wie der zugehörige Landstrich blickt auch Chomsk auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Bis 1763 gehörte es zu Litauen. Von 1763 - 1795 war Chomsk ein Teil von Polen. Nach der dritten Teilung Polens wurde es Russland zugeschlagen. In den Jahren 1831 und 1863 ließ der russische Zar zwei polnisch-litauische Aufstände blutig niederschlagen. Nach dem ersten Weltkrieg (1918) wurde Chomsk im Zuge der Neuaufteilung Osteuropas wieder polnisch. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges und dem erneuten Eingriff in das polnische Staatsgebiet, gehört Chomsk zum Verwaltungsbezirk Breszkaja Woblasz, innerhalb des Staatsgebietes von Weißrussland.

Quellen:
  • David J. Brown: "Brücken - Kühne Konstruktionen über Flüsse, Täler, Meere"; München (2005)
  • Sven Ewert: "Brücken - Die Entwicklung der Spannweiten und Systeme"; Berlin (2003)
  • D.B. Steinman: "Brücken für die Ewigkeit - Das Leben von Johann Roebling und seinem Sohn"; Düsseldorf (1957)
  • http://www.familisearch.org
  • http://www.asce.org/
  • u.a.
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© Dipl.Ing. Bernd Nebel