Othmar Hermann Ammann

Othmar Hermann Ammann

26.03.1879 - 22.09.1965



"Was haben wir schon anderes getan als zwei Wäscheleinen zwischen zwei Pfosten aufzuhängen?"
O.H.A. (1964)


1879 Geburt in Feuerthalen (Schaffhausen), Schweiz
1897 Beginn des Studiums an der ETH in Zürich
1902 Abschluß als Diplomingenieur
1904 Auswanderung nach Amerika
1905 Eheschließung mit Lilly Selma Wehrli
1907 Untersuchung des Quebec-Desasters
1912 Stellvertretender Chefingenieur Gustav Lindenthals
1923 Trennung von Lindenthal
Eigener Vorschlag zur Überquerung des Hudson
1924 Amerikanischer Staatsbürger
1931 Einweihung der George Washington Bridge
Einweihung der Bayonne Bridge
Beratung beim Bau der Golden Gate Bridge
1933 Tod seiner Frau Lilly
1935 Eheschließung mit Kläry Nötzli
1936 Fertigstellung der Triborough Brücke
1937 Einweihung des Lincoln Tunnels
1964 Einweihung der Verrazano Narrows Bridge
1965 Tod in New York
Der Schweizer Othmar Hermann Ammann ist einer der bedeutendsten Brückenbauer aller Zeiten. Als Direktor der New Yorker Hafenbehörde war er maßgeblich am heutigen Erscheinungsbild der Metropole beteiligt.

Othmar Ammann wurde am 26. März 1879 als viertes Kind des Hutfabrikanten Emanuel Christian Ammann in Feuerthalen bei Schaffhausen (Schweiz) geboren. Mit 18 machte er seine Matura und schrieb sich sogleich am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich für das Studium des Bauingenieurwesens ein. Offensichtlich hatte er bereits in diesem Alter eine klare Vorstellung von seiner beruflichen Zukunft, denn noch vor dem Beginn des Studiums machte er ein Praktikum auf der Baustelle der Hängebrücke
Der junge Ammann
zwischen Langenargen und Kressbronn am Bodensee. Im Jahre 1897, kurz vor Vollendung dieses heute noch bestehenden Bauwerks, war er hier zum ersten Mal unmittelbar am Bau einer Hängebrücke beteiligt.

Das Polytechnikum in Zürich war zur damaligen Zeit bereits eine der bedeutendsten technischen Hochschulen Europas. Aus ihr ging später die "Eidgenössische Technische Hochschule (ETH)" hervor, die viele erfolgreiche Wissenschaftler und Techniker hervorbrachte. So studierte z.B. zur gleichen Zeit wie Ammann ein Mann am Polytechnikum, der später Weltruhm erlangen sollte. Sein Name war Albert Einstein. Zu Ammanns Lehrern zählten so bedeutende Männer wie Karl Wilhelm Ritter und Ludwig Tetmajer. Angeblich erhielt er 1901 einen Verweis wegen "Unfleiß", was im Rückblick auf die große und rastlose Karriere aber kaum vorstellbar ist. 1902 machte er seinen Abschluss als Bauingenieur und hatte nun die beste Ingenieursausbildung die zur damaligen Zeit überhaupt denkbar war.


Amerika lockt mit großen Aufgaben

Einer seiner Professoren hatte einige Zeit in Amerika verbracht um seine Kenntnisse zu vertiefen und empfahl Ammann nun das gleiche zu tun. Insbesondere in New York standen zu dieser Zeit eine ganze Reihe von großen Brückenprojekten an und boten jungen ehrgeizigen Ingenieuren gute Chancen. Ammann wollte sich vor allem beruflich weiter qualifizieren und so ging er 1904 nach Amerika. Er hatte aber keineswegs die Absicht endgültig auszuwandern und plante den Aufenthalt nur für zwei Jahre... doch er blieb für immer.

Die ETH hatte auch in Amerika einen hervorragenden Ruf und Ammann erhielt sofort eine Anstellung beim Ingenieurbüro von Joseph Mayer. Von diesem angesehenen Büro wurden zu dieser Zeit dutzende von großen Brückenprojekten bearbeitet und Ammann hatte reichlich Gelegenheit zu lernen. Im Jahre 1905 kehrt er für einige Wochen in die Schweiz zurück, um am 24. Juli seine Jugendfreundin Lilly Selma Wehrli zu heiraten. Gemeinsam mit seiner Frau kehrte Ammann nach Amerika zurück.

Als am 12. August 1907 in Kanada die Quebec-Brücke über den St. Lorenzstrom während der Bauarbeiten einstürzte, wurde Ammann die undankbare Aufgabe angeboten, die Ursachen des Unfalls zu klären. Er willigte sofort ein und schrieb einen Untersuchungsbericht der noch heute zu den Klassikern der Ingenieurliteratur zählt. Durch diesen Bericht machte Ammann sich erstmals landesweit einen Namen und gab so seiner Karriere einen entscheidenden Anschub.


Mitarbeit bei Gustav Lindenthal

Im Jahre 1912 wurde er von Gustav Lindenthal engagiert, der mit seinem Büro gerade den Bau der Hell Gate Brücke plante. Der aus Brünn (heute Brno/Tschechien) stammende Lindenthal war zu diesem Zeitpunkt der bedeutendste Brückenbauer Amerikas. Diese Anstellung eröffnete Ammann neue Horizonte und gab offenbar auch den Ausschlag für die Familie, nun ganz in den USA zu bleiben. Die Geburt des ersten Kindes stand bevor und eigentlich hatten die Ammanns geplant, dass die Geburt in der Schweiz stattfinden sollte. Othmar Ammann unterstützte Lindenthal unter anderem beim Bau der Queensboro Bridge und der Hell Gate Bridge über den East River, beide in New York. Ammann wurde für viele Jahre zu Lindenthals Chefingenieur und wichtigstem Mitarbeiter. In Lindenthals Büro lernte Ammann noch einen weiteren, später weltberühmten Brückenbauer kennen und schätzen, nämlich David B. Steinman. Nachdem sich beide von Lindenthal getrennt hatten, wurde Steinman zu seinem größtem beruflichen Konkurrenten.
Outerbridge Crossing

1933 starb Ammanns Frau Lilly überraschend und hinterließ ihm zwei Söhne und die Tochter Margot. Zwei Jahre später heiratet er die Schweizerin Kläry Nötzli, deren früherer Mann, Fred A. Nötzli, ebenfalls Bauingenieur war und durch den Bau von Staumauern internationales Ansehen genoss.


Chef der New Yorker Hafenbehörde

Bei den Vorplanungen für eine Brücke über den Hudson kam es 1923 zu einer Meinungsverschiedenheit mit Lindenthal und schließlich zur Trennung. Ammann machte sich für kurze Zeit in einem kleinen Büro selbständig, fand aber schon zwei Jahre später wiederum eine außerordentlich lukrative Stelle. Er wurde zum Chefingenieur der New Yorker Hafenbehörde ernannt, welche für den Bau von Brücken und Tunneln im New Yorker Hafengebiet zuständig war. In dieser Position konnte er in den folgenden Jahrzehnten die Infrastruktur und das Erscheinungsbild New Yorks entscheidend mit gestalten.

Seine ersten Projekte waren die Outerbridge Crossing und die Goethals Bridge, beides Fachwerk-Auslegerbrücken. Mit seinem Stab arbeitete er auch selbst einen Vorschlag für die umstrittene Überbrückung des Hudson aus und konnte schließlich auch die politischen Entscheidungsträger von seinem Entwurf überzeugen. Zum ersten Mal in seiner Karriere plante Ammann nun den Bau einer Hängebrücke. Sie wurde später George Washington Brücke genannt und war in technischer Hinsicht ein riesiger Entwicklungsschritt. Mit ihrem Bau wurde 1927 begonnen und vier Jahre später konnte sie für den Verkehr freigegeben werden. Bis zu ihrer Fertigstellung war Leon Moisseiffs Ambassadorbridge in Detroit die größte Hängebrücke der Welt gewesen. Sie stammte aus dem Jahre 1929 und hatte eine Spannweite von 564 m. Dieser Rekord wurde von der George Washington Bridge mit einer Hauptspannweite von 1.067 m nahezu verdoppelt. Nie wieder wurde die größte, jemals realisierte Spannweite derartig nach oben katapultiert, wie mit der George Washington Brücke.

Noch im gleichen Jahr (1931) wurde die Bayonne Bridge über den Kill van Kull dem Verkehr übergeben. Mit ihrer Spannweite von 504 m ist sie bis heute eine der größten Stahlbogenbrücken der Welt und auch deutlich größer als Lindenthals Hell Gate Bridge. Ab 1934 war Ammann auch Chef der Hafenbehörde von Triborough. In dieser Funktion war er 1936 bei der Vollendung der Triborough Bridge beteiligt, einer Hängebrücke mit einer Spannweite von 420 m. Nur ein Jahr später stellte die New Yorker Hafenbehörde
Die George Washington Bridge


Die Bayonne Bridge
unter der Leitung Ammanns den Lincoln-Tunnel fertig. Da er inzwischen weltweit als die Nummer 1 unter den Brückenbauern galt, wurde er auch häufig bei Projekten außerhalb seines Einflussbereichs um Rat gefragt. So war er z.B. von 1931-1937 einer der wichtigsten Berater seines Kollegen Joseph B. Strauss beim Bau der Golden Gate Bridge.


Die Verrazano Narrows Bridge

Im Jahre 1939, im Alter von 61 Jahren, verließ er den öffentlichen Dienst und trat offiziell in den Ruhestand. Männer wie Ammann setzen sich allerdings nie wirklich zur Ruhe und so gründete er mit Charles Whitney das weltweit tätige Ingenieurbüro Ammann & Whitney. Den abschließenden Höhepunkt seines Schaffens hatte er aber schon vorbereitet und begleitete dieses Projekt auch in den kommenden Jahren mit seinem Büro. Mit dieser Hängebrücke, der Verrazano Narrows Bridge, setzte er sich endgültig ein Denkmal. Die Bauarbeiten im Hafen von New York begannen im Jahre 1959. Bei ihrer Einweihung am 21.11.1964 verdrängte sie mit einer Spannweite von 1.298 m die Golden Gate Bridge, die ihrerseits die George Washington Brücke überflügelt hatte, als größte Hängebrücke der Welt. Die Verrazano Narrows Bridge hielt diesen Rekord dann 17 Jahre, bis zum Bau der Humber Bridge in England. Othmar Ammann ist neben Johann August Röbling der einzige Brückenbauer, der mit zwei Brücken den Weltrekord in Sachen Spannweite aufstellte.

Nebenbei schrieb Ammann noch mehrere Fachbücher, die zur Standardliteratur für das Brückenbauwesen wurden. Unter anderem befasste er sich nach dem Einsturz der Tacoma Narrows Bridge im Jahre 1941 mit der aerodynamischen Unstabilität von Hängebrücken und veröffentlichte 1943 den "Stiffness Index" zu diesem Thema. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 1964 aus den Händen des damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson als erster Bauingenieur die "National Medal of Science". Bei der Verleihung sagte er: "Der Weg zum Erfolg ist allen offen, welche Anstrengungen, Mut und Ausdauer nicht scheuen."

Mit der Schweiz blieb Ammann sein Leben lang eng verbunden und kehrte immer wieder zu längeren Aufenthalten sein Heimatland zurück. Während des ersten Weltkrieges unterbrach er seine Tätigkeit bei Gustav Lindenthal für mehrere Monate und verteidigte mit seinem Battailion das Heimatland. Obwohl er sehr fleissig und überaus produktiv war, legte er großen Wert auf pünktlichen Feierabend, regelmäßige Mahlzeiten und ganz allgemein auf ein geregeltes Leben.

Othmar Hermann Ammann starb am 22. September 1965 im Alter von 86 Jahren in Rye, New York.



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© Dipl.Ing. Bernd Nebel