Die Vasco da Gama Brücke

Lissabon, Portugal




© Bernd Nebel


Name: Ponte Vasco da Gama
Ort: Lissabon
Land: Portugal
Konstruktionstyp: Schrägseilbrücke
Fertigstellung: 1998
Ingenieur: Armando Rito
Verkehrsart: Auto
Material: Stahl/Stahlbeton
Gesamtlänge: 17,2 km
Größte Spannweite: 420 m
Lichte Höhe: 47 m
Die Vasco da Gama Brücke entstand im Vorfeld der Weltausstellung EXPO, die im Jahre 1998 in Lissabon stattfand. Gemessen an ihrer Gesamtlänge von ca. 17,2 km ist diese Schrägseilkonstruktion bis heute die längste Brücke Europas

Vasco da Gama war ein berühmter portugiesischer Seefahrer und Entdecker. Er stammte aus der Nähe von Lissabon und schuf durch seine Expeditionen die Grundlage für das portugiesische Monopol im Gewürzhandel und die führende Stellung der Kolonialmacht Portugal im 16. und 17. Jahrhundert.
Vasco da Gama
(1469-1524)

Vasco da Gama landete mit seinen Schiffen im Mai 1498 bei Calicut an der westindischen Küste und entdeckte somit den Seeweg von Europa nach Indien. Genau 500 Jahre später benannten die Portugiesen die zweite Tejo-Brücke in Lissabon zur Erinnerung an dieses Ereignis nach ihrem großen Entdecker.


Die erste Tejo-Brücke von David B. Steinman

Die Lage der portugiesischen Hauptstadt am über 10 km breiten Mündungsdelta des Tejo, begrenzte ihre Entwicklungsmöglichkeiten über Jahrhunderte hinweg auf das westliche Ufer. Die Verbindung zur gegenüberliegenden Seite wurde nur durch Schiffe und Fähren ermöglicht. Erst im Jahre 1966 wurde mit dem Ponte 25. de Abril die erste feste Verbindung über den Tejo hergestellt. Diese Brücke, die nicht zuletzt durch ihre Farbgebung sehr stark an die Golden Gate Bridge erinnert, wurde zur wichtigsten Verkehrsader Lissabons und zu einem Wahrzeichen der Stadt.

Allerdings war der Ponte 25. de Abril durch den zunehmenden Verkehr schon einige Jahre später so stark überlastet, dass der Verkehr besonders während des Berufsverkehrs ständig zum erliegen kam. Außerdem führte der Weg durch dieses Nadelöhr zwangsläufig durch die historische Innenstadt. So mussten sich pro Jahr ca. 44 Mio. PKW und LKW durch Lissabon quälen, was zu einer erheblichen Belastung der Bevölkerung durch Lärm und Abgase führte.

Längsschnitt durch die Hauptöffnung der Vasco da Gama Brücke



Die EXPO wirft ihre Schatten voraus

Die Chance für eine Entlastung der Innenstadt ergab sich dann im Zuge der Vorbereitungen auf die Weltausstellung im Jahre 1998, die in Lissabon einen ungeheuren Bauboom auslöste. Das auch heute noch sehr reizvolle EXPO-Gelände befindet sich am Nordrand
Die Großbaustelle im Flussbett des Tejo
der Stadt und dort entstand auch die neue Brücke. Durch ihre Lage erfüllt sie einerseits eine Zubringerfunktion für Lissabon, dient aber andererseits für den Nord-Südverkehr zwischen Porto und der Algarve auch als Umfahrungsroute für die Hauptstadt.

Finanzierung, Bau und Betrieb der Ponte Vasco da Gama, wurden durch eine öffentlich/private Interessengemeinschaft realisiert. Das Konsortium LUSOPONTE welches aus portugiesischen, britischen und französischen Firmen besteht, erhielt den Zuschlag zum Bau und dem Betrieb der Brücke. Der Vertrag erlaubt es dem Konsortium für einen Zeitraum von höchstens 33 Jahren nach der Inbetriebnahme die Mautgebühren zu vereinnahmen. Die Konzession endet aber auch an dem Tag, an dem die Brücke vom 2,25 milliardensten Fahrzeug benutzt wird. Interessanterweise wurde der Vertrag für den Betrieb und die Unterhaltung der Brücke auch auf den Ponte 25. de Abril ausgedehnt. Der Verzicht auf die Mauteinnahmen des Ponte 25. de Abril war nämlich der Finanzierungsbeitrag des portugiesischen Staates (6% der Baukosten) für den Bau der Vasco da Gama Brücke.

Die Gesamtkosten der neuen Brücke betrugen etwa 900 Millionen €, von denen 35% durch den europäischen Kohäsionsfond und weitere 33% durch die Europäische Investitionsbank abgedeckt wurden. Der Rest wurde von dem Konsortium vorfinanziert. Nach Ablauf der 33-jährigen Vertragsdauer im Jahre 2031 werden die Mauteinnahmen der beiden Brücken dann wieder dem portugiesischen Staat zugute kommen.


Schwierigkeiten und Risiken

Ein Brückenbauprojekt in dieser Region ist aber keineswegs problem- und risikolos, denn im Jahre 1755 wurde Lissabon durch ein Erdbeben beinahe vollständig zerstört. Die Vasco da Gama Brücke wurde daher so ausgelegt, dass sie einem viermal stärkeren Beben widerstehen kann. Weitere Schwierigkeiten ergaben sich durch die unzähligen Vögel (darunter mehrere geschützte Arten und
Blick auf die Brücke aus dem Flugzeug in Richtung Osten
© Brigitte Knobl
Flamingos), die hier im Tejodelta einen optimalen Schutz- und Rückzugsraum vorfinden. Außerdem mussten für den Bau der westlichen Auffahrrampe ca. 300 Familien eines Armenghettos umgesiedelt werden. Es gehörte daher zum Auftrag von LUSOPONTE, im Stadtteil Quinta do Carmo neue Wohnungen für diese Familien zu errichten.

Verantwortlicher Ingenieur für den Entwurf des Bauwerkes war der Portugiese Armando Rito, dem der erfahrene Brückenbauer Michel Virlogeux als "offizieller Experte" zur Seite stand. Die Bauarbeiten begannen im Februar 1995 mit der schwierigen Gründung. Für die Fundamente der beiden Pylone wurden jeweils 44 Bohrpfähle mit Durchmessern von 2,20m und Längen bis zu 90m in das weiche Flussbett getrieben. Die Pylonfundamente sind auch darauf ausgelegt, dem Anprall eines 30.000-Tonnen Schiffes mit einer Geschwindigkeit von 12 Knoten standzuhalten. Außer den beiden großen Pylonfundamenten mussten aber auch noch ca. 150 kleinere Fundamente für die Balkenbrücken auf beiden Seiten der Schrägseilbrücke hergestellt werden.


Dimensionen des Projektes

Die beiden H-förmigen Pylone bestehen aus Stahlbeton und haben eine Höhe von jeweils 155 m. Die Betonierarbeiten für die Pylone wurden in 43 Abschnitten mit Selbstkletterschalungen der Fa. Doka ausgeführt. Während der Bauarbeiten kam es zu einem tragischen Unfall, bei dem ein Gerüst einstürzte und sechs Bauarbeiter getötet wurden. Maximal waren 3.000 Arbeiter gleichzeitig auf der Baustelle beschäftigt, die insgesamt ca. 700.000m³ Beton und 145.000 Tonnen Stahl verarbeiteten.

Die Brückentafel ist an insgesamt 192 Schrägseilen (96 pro Pylon, 48 pro Pylonseite) aufgehängt, die in der so genannten "Büschelform" angeordnet sind. Mit der Montage der Schrägseile durch die renommierte Firma Freysinnet und der Fahrbahntafel wurde im Januar 1997 begonnen. Die Schrägseilbrücke steht praktisch direkt am westlichen Ufer des Tejo, während sich die Brücke in östlicher Richtung in einem leichten Bogen auf einer Vielzahl von Plattenbalken fortsetzt. Dabei befindet sich die Fahrbahn auf einer Länge von etwa 10km über dem Wasser. Die Spannweiten im Bereich der Schrägseilbrücke haben die Abmessungen 203m - 420m - 203m. In
Abendstimmung am Tejo
© Simon Frohn www.i-xs.de
diesem Bereich steht für die Schifffahrt eine freie Durchfahrtshöhe von 45m zur Verfügung. Der flachere Teil der Brücke besteht aus ca. 150 Einzelträgern mit Längen von 45m bis 78m, die im Bereich des Flusses vom Schwimmkran "Rabiz" verlegt wurden. Dieser Teil der Fahrbahn befindet sich zwischen 14m und 30m über dem Wasserspiegel.


Wahrzeichen des modernen Portugal

Trotz zahlreicher Probleme konnte die Brücke nach einer Bauzeit von 40 Monaten pünktlich zur Weltausstellung 1998 fertig gestellt werden. Der Verkehr fließt nun auf einer sechsspurigen Autobahn mit einer Kapazität von bis zu 130.000 Fahrzeugen pro Tag über die Brücke.

Die Gebühr für die ca. 15-minütige Überfahrt ist nur stadteinwärts zu entrichten und betrug im August 2005 für einen normalen PKW 1,95€. Die aktuellen Mautgebühren auch für andere Fahrzeugtypen erfährt man direkt bei www.lusoponte.pt.

Im Rahmen einer prunkvollen Zeremonie wurde die Brücke am 29. März 1998 vom portugiesischen Ministerpräsidenten Jorge Sampaio unter Anwesenheit zahlreicher internationaler Gäste für den Verkehr freigegeben. In seiner Festrede ging er besonders auf die europäische Dimension des Bauwerkes ein: "Diese Brücke ist ein großes europäisches Projekt, auf das wir wahrlich stolz sind. Die feierliche Eröffnung symbolisiert den Geist, mit dem sich Portugal am Ende des Jahrtausends modernisiert".




Quellen:
David J. Brown: "Brücken, kühne Konstruktionen über Flüsse, Täler, Meere"
Bernhard Graf: "Die schönsten Brücken der Welt"
www.wikipedia.de

Haben sie noch mehr Informationen zu dieser Brücke? Oder sind sie im Besitz weiterer Fotos, die sie für dieses Internetangebot zur Verfügung stellen würden? Dann senden sie mir eine Mail:




Ich bedanke mich für die freundliche Unterstützung bei:
Inge Kanakaris-Wirtl, Berlin
Simon Frohn, Stuttgart
Brigitte Knobl, Marburg
© Dipl.Ing. Bernd Nebel