Der Einsturz der Reichsbrücke

Wien/Österreich, 1. August 1976



Die zweite Reichsbrücke


Dass sich technische Katastrophen trotz intensiver Wartung nicht immer ankündigen, zeigte sich beim Einsturz der Reichsbrücke in Wien. Die Kettenbrücke, die den zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden hatte, brach im August 1976 ohne äußere Einwirkung zusammen

Die "Kronprinz-Rudolf-Brücke"

Die erste Reichsbrücke

Die Flüsse Donau und Wien führten in der österreichischen Hauptstadt schon frühzeitig zu vielen Brückenbauaktivitäten und intensivem Fährbetrieb. Insbesondere nach der von 1870 bis 1875 durchgeführten Donauregulierung bestand an vielen Stellen Bedarf für neue Flußquerungen.

Eine der ersten dieser neuen Brücken war die am 21. August 1876 eingeweihte Kronprinz-Rudolf-Brücke, welche die Wiener Innenstadt mit den Außenbezirken Kagran und Donaustadt verband. Das Haupttragwerk der Kronprinz-Rudolf-Brücke bestand aus einem eisernen Gittertragwerk mit Spannweiten von 4 x 83,75 m und einer Höhe von 7,35 m.

Im Hochwasserbereich des Vorlandes bestanden die Auffahrrampen aus einer Vielzahl von steinernen Bögen. Die Breite des Tragwerks betrug insgesamt ca. 12 m, wobei 7,90 m für die Fahrbahn und 2 x 1,90 m für Gehwege reserviert waren. Im Zuge einer allgemein um sich greifenden "Umbenennungshysterie" erhielt das Bauwerk im Jahre 1919 erstmals den Namen "Reichsbrücke".


Brückenverschiebung und Bau der Kettenbrücke
Die Verschiebung der ersten Reichsbrücke

Durch die zunehmende Verkehrsbelastung war die Brücke Anfang der dreißiger Jahre den Verkehrsanforderungen, sowohl in Bezug auf ihre Abmessungen, als auch von der Tragfähigkeit her nicht länger gewachsen und musste komplett erneuert werden.

Um den Bau ohne größere Verkehrsbehinderungen zu verwirklichen, verlängerte man die Pfeiler und schob die altehrwürdige Brücke ca. 26 m stromabwärts. Direkt neben der alten Reichsbrücke entstand dann eine neue Ketten-Hängebrücke, die am 10.10.1937 eingeweiht werden konnte.

Die neue Reichsbrücke verfügte über insgesamt vier Fahrspuren für Kraftfahrzeuge, 2 Straßenbahngeleise, sowie Gehwege auf beiden Seiten. Nach Vollendung der neuen Reichsbrücke wurde das Eisenfachwerk der ausgedienten Brücke abgetragen und verschrottet.

Während des zweiten Weltkrieges erlitten sämtliche Wiener Brücken starke Beschädigungen, wobei die Reichsbrücke aber noch am
Die Reichsbrücke
Anfang der 1970´Jahre
besten davon kam und die einzige intakte Donaubrücke blieb. In der Nachkriegszeit von 1945 bis 1955 hieß sie vorübergehend "Brücke der Roten Armee", wurde danach aber wieder in Reichsbrücke umbenannt. Von 1948 bis 1952 wurde das Bauwerk in allen Teilen gründlich saniert und für die weiter gestiegenen Verkehrsanforderungen ertüchtigt. Als die Brücke schon fast 40 Jahre zuverlässig den Verkehr über die Donau getragen hatte, dachte wohl kein Mensch daran, dass sie ganz plötzlich und ohne jede Ankündigung ihren Dienst verweigern würde.


Das Unglück nimmt seinen Lauf

Aber am 1. August 1976 um 4:43 geschah es: das Mittelteil der Reichsbrücke stürzte unvermittelt in die Donau. Obwohl es sich natürlich um ein außerordentlich tragisches Unglück handelte, hätte es wohl kaum einen "günstigeren" Zeitpunkt für dieses Ereignis geben können. Es war ein Sonntag und die ansonsten mit einem mittleren Fahrzeugaufkommen von 18.000 Fahrzeugen pro Tag sehr stark frequentierte Brücke war um diese Uhrzeit -und dazu noch in den Sommerferien- fast völlig leer.

Nur vier Fahrzeuge befanden sich auf der Brücke, von denen zwei dem drohenden Absturz nur mit knapper Not entgingen. Ein Autobus der Wiener Verkehrsbetriebe stürzte in die Fluten und konnte erst Tage später geborgen werden. Durch die nachtschlafende Zeit war der Bus aber mit keinem einzigen Fahrgast besetzt und der Fahrer konnte wenig später unversehrt vom Dach seines Fahrzeuges geborgen werden. Das Unglück kostete aber doch ein Menschenleben: der 22-jährige Fahrer eines Lieferwagens stürzte mit seinem Fahrzeug in die Donau und ertrank. Durch herabstürzende Trümmer wurden außerdem noch zwei auf der Donau verkehrende Schiffe beschädigt, wobei aber keine Menschen zu Schaden kamen.


Der Krisenstab nimmt seine Arbeit auf
Der gesamte Überbau ist in die Donau gestürzt
© Hans Sladek

Die zuständigen Behörden und Politiker bewiesen in dieser Situation große Umsicht und zeigten ein vorbildliches Krisenmanagement. Bereits um 6:30 Uhr trat unter Leitung des damaligen Bürgermeisters Gratz ein Krisenstab zusammen und beschloss erste Maßnahmen zur Behebung der Folgen des Unglücks. In einer Großstadt wie Wien sind Brücken allerdings nicht nur Verkehrsverbindungen, sondern in ihren Baukörpern befinden sich auch immer eine ganze Reihe von Versorgungsleitungen, Kabeln für Strom und Telefon, Gas, Wasser usw.

Beinahe noch schlimmer als die innerstädtische Verkehrssituation war die Versperrung der Schifffahrtsrinne in der Donau, wodurch sich auf beiden Seiten des Unglücksortes die Schiffe stauten.

Es gab daher viel Arbeit für den Krisenstab und außerdem war da noch die Frage zu klären, warum die Brücke eigentlich eingestürzt war. Da die Brücke völlig unvermittelt eingestürzt war und mehrere Augenzeugen von einem sehr lauten Knall berichteten, verbreitete sich schon bald nach dem Unglück das Gerücht, es könne sich um einen Anschlag handeln. Schon am Nachmittag des Unglückstages wurde bekannt gegeben, dass sich eine hochrangig besetzte Untersuchungskommission mit den Ursachen des Einsturzes befassen würde.

In den folgenden Wochen und Monaten wurden die Trümmerteile aus der Donau geborgen, eine provisorische Fahrrinne freigebaggert und Vorbereitungen für die Errichtung von insgesamt drei Behelfsbrücken getroffen. Zwei davon waren für die Straßenbahn gedacht und konnten bereits am 16. Oktober in Betrieb genommen werden. Die provisorische Brücke für den
Der verunglückte Bus der Wiener Verkehrsbetriebe
© Hans Sladek
Straßenverkehr war ab dem 21. Dezember einsatzbereit. Für den Bau einer neuen, dauerhaften Reichsbrücke wurde noch im Dezember 1976 eine internationale Ausschreibung durchgeführt. Die Entscheidung fiel im darauf folgenden Sommer zu Gunsten eines Vorschlages mit einer zweigeschossigen Mehrfeld-Balkenbrücke und schon im Januar 1978 wurde mit dem Bau der Ersatzbrücke begonnen.


Der Untersuchungsbericht

Am 9. März 1977 legte die Untersuchungskommission der Öffentlichkeit ihren Abschlussbericht vor. Zunächst einmal konnte das aufkeimende Gerücht widerlegt werden, die Brücke könnte einem bewusst herbeigeführten Anschlag zum Opfer gefallen sein.

Die eigentliche Ursache für den Einsturz war das plötzliche Abscheren des linken Pfeilers knapp unterhalb des Auflagers. Dadurch fiel der Pylon um und stürzte mitsamt dem Tragwerk in die Donau. Der Pfeilersockel bestand aus unbewehrtem Beton, der mit Steinplatten verblendet war. Durch die Verkleidung war es nicht möglich gewesen, den Beton bei Überprüfungen in Augenschein zu nehmen und auch eine zerstörungsfreie Prüfung der Bausubstanz dieses Pfeilers war unmöglich. Auch die Fachleute hätten nicht damit gerechnet, dass der Pfeiler in seinem Inneren so stark beschädigt sein könnte. Insofern kam die Kommission zu dem Schluss, dass keiner der für die Wartung und Sicherheit der Brücke zuständigen Personen ein Vorwurf gemacht werden konnte. In rechtlichem Sinne handelte es sich also um ein unabwendbares Ereignis, welches gerne mit dem Begriff "höhere Gewalt" umschrieben wird.

Die neue Reichsbrücke (2005)
© Kurt Wurscher

Die dritte Reichsbrücke

Die neue Reichsbrücke wurde am 8. November 1980 vom österreichischen Bundespräsidenten Kirchschläger und Bürgermeister Gratz eröffnet. Die Spannbetonbrücke besteht aus mehreren Brückenfeldern wobei die größte Spannweite 140 m beträgt. Auf der oberen Verkehrsebene befinden sich die Fahrspuren für Kraftfahrzeuge und innerhalb des Hohlkastens verkehrt die Linie 1 der Wiener U-Bahnbetriebe.

Vergleichsweise glimpflich verlief ein neuerlicher Unfall am 10.06.2004: das unter deutscher Flagge fahrende Motorschiff "Viking Europe" rammte bei einem missglückten Wendemanöver einen Flusspfeiler der Reichsbrücke. Auf dem Schiff wurden 19 Menschen leicht verletzt, die Brücke aber trug nur ein paar unbedeutende Kratzer davon.

In den letzten Jahren wurde die Reichsbrücke umfangreich restauriert. Unter anderem erhielt sie breitere Gehwege und behindertengerechte Rampen. Im Jahre 2005 wurde die neue Reichsbrücke 25 Jahre alt, ein Jubiläum das die Wiener mit einem Festakt auf der Donauinsel gebührend feierten.





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Ich bedanke mich für die freundliche Unterstützung bei:
Elvira und Hans Sladek, Wien
Kurt Wurscher, Stadtverwaltung Wien
Johannes Friedrich, Herrenberg
© Dipl.Ing. Bernd Nebel