Die Eisenbahnbrücke über den Firth of Forth

Queensferry, Schottland




© Hartmut Schulz

Name: Firth of Forth Railroad Bridge
Ort: Queensferry
Land: Schottland
Konstruktionstyp: Auslegerbrücke
Fertigstellung: 1889
Erbauer: Sir John Fowler
Benjamin Baker
William Arrol
Verkehrsart (heute): Eisenbahn
Material: Stahl/Stein
Gesamtlänge: 2,46 KM
Größte Spannweite: 521 M
Freie Durchfahrtshöhe: 46 M

Am 4. März 1890 wurde bei Queensferry in Schottland die beeindruckende Firth of Forth Eisenbahnbrücke eingeweiht. Sie ist bis heute eine der größten Auslegerbrücken der Welt und immer noch in Betrieb.

Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt der Brückenbau in ganz Europa durch die rasante Verbreitung der Eisenbahn beträchtliche Impulse. Das Schienennetz wurde in alle Richtungen zügig ausgebaut und es galt immer wieder kleinere und größere Hindernisse zu überwinden. Parallel mit dem Ausbau der Eisenbahnnetze wurden auch die Loks ständig weiterentwickelt, so dass sie immer schneller und schwerer wurden. Zwei entscheidende Eingangsgrößen für die Konstruktion dauerhafter, stabiler Brücken.


Die Katastrophe am Tay

Auch in Schottland konkurrierten zu dieser Zeit mehrere Eisenbahngesellschaften bei der Erschließung des Landes. Um die
Errichtung eines Pfeilers über dem Caisson (1885)
nördlichen Landesteile besser an den aufstrebenden Süden anzuschließen, wurde es erforderlich eine möglichst kurze Verbindung zwischen den Städten Dundee im Norden, sowie Edinburgh und Glasgow im Süden herzustellen. Zwei sehr breite natürliche Hindernisse stellen sich dieser Strecke in den Weg: der Firth of Forth bei Edinburgh, sowie der Firth of Tay bei Dundee. Das Wort "Firth" bezeichnet übrigens einen Meeresarm, in Skandinavien auch Fjord genannt. Um die beiden Hindernisse zu überwinden schlossen sich gleich mehrere Eisenbahngesellschaften zusammen und forderten die besten Ingenieure ihrer Zeit auf, entsprechende Vorschläge einzureichen.

Zunächst wurde die Eisenbahnbrücke über den Firth of Tay in Angriff genommen. Den Auftrag dafür erhielt Sir Thomas Bouch, der zuvor schon viele Brücken für die Eisenbahngesellschaften gebaut hatte und als erste Wahl für ein solches Projekt galt. Die Brücke wurde 1877 fertig gestellt und ihr Konstrukteur auf Grund dieser herausragenden Leistung zum Ritter geschlagen. Was lag also näher, als die etwas weiter südlich geplante Überbrückung des Firth of Forth ebenfalls in die bewährten Hände von Thomas Bouch zu geben? Bouch legte einen Entwurf für eine doppelte Hängebrücke mit zwei Hauptspannweiten von jeweils 500 m Länge vor und erhielt den Auftrag. Aufgrund der Wassertiefe von bis zu 60 m konnte er keine Brücke wie am Tay bauen, sondern musste auf ein System ausweichen, mit dem eine solche Spannweite zu realisieren war.

Als Standort für die Brücke entschied er sich für eine Stelle etwa 14 km westlich von Edinburgh, weil er hier eine kleine Insel namens Inchgarvie für die beiden Mittelpfeiler nutzen konnte. Im Herbst und Winter 1879 war Bouch bereits mit vorbereitenden Arbeiten an der Brücke beschäftigt. Er hatte schon ein kleineres Fundament fertig gestellt, als am 28. Dezember 1879 das unvorstellbare geschah: in einem heftigen Sturm stürzte die Tay-Brücke unter einem vollbesetzten Zug ein und riss 75 Menschen mit in den Tod. Es wurde eine ausführliche Untersuchung der Katastrophe angeordnet, die Thomas Bouch eine erhebliche Mitschuld am Einsturz der Brücke bescheinigte. Das war das plötzliche Ende einer bis dahin makellosen Brückenbauerkarriere und natürlich wurde Bouch auch der Auftrag für den Bau der Forth-Brücke umgehend entzogen.

Sir John Fowler
(1817 - 1898)
Sir Benjamin Baker
(1840 - 1907)

Die Auslegerbauweise setzt sich durch

Daraufhin schrieben die beteiligten Eisenbahngesellschaften den Entwurf für die Forth Brücke zum zweiten Mal aus. Bei diesem neuerlichen Wettbewerb hatten Hängebrücken offensichtlich keine Chance, weil Bouch ja eine solche bauen wollte und dessen letzte Brücke (allerdings keine Hängebrücke) eingestürzt war.

Aus den nach einem Brückeneinsturz veranlassten Untersuchungen haben die Ingenieure immer viel gelernt und neue Erkenntnisse für spätere Projekte gezogen. Für den Bau der Firth of Forth Eisenbahnbrücke war der Einsturz der zeitlich und räumlich in unmittelbarer Nähe liegenden Taybrücke jedoch mehr als nur ein Desaster aus dem man seine Lehren zog. Es ging vor allem auch darum, den Menschen wieder das Vertrauen in die Eisenbahn und solch weit gespannte Brücken zurück zu geben. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie die Planungen, der Baufortschritt und jede Maßnahme der Ingenieure auf der Baustelle von der Öffentlichkeit argwöhnisch beobachtet wurden.

Da Hängebrücken ausschieden, rückte ein gemeinsamer Vorschlag von zwei britischen Ingenieuren ins Rampenlicht, der eine gewaltige Auslegerbrücke vorsah, die schon auf den Zeichnungen keinen Zweifel an ihrer Stabilität aufkommen liess. Benjamin Baker und John Fowler erhielten den Zuschlag für ihren Entwurf, der dann an der gleichen Stelle wie Bouchs Pläne es vorsahen errichtet wurde. John Fowler war ein sehr erfahrener Mann, der schon beim Bau vieler Eisenbahnstrecken maßgeblich beteiligt war. Bei Baubeginn war er fast 60 Jahre alt, während Benjamin Baker deutlich jünger war.

Zu den "Vertrauen bildenden Maßnahmen" der Konstrukteure gehörte auch eine öffentliche Demonstration des Auslegerprinzips, von
Historische Demonstration des Auslegerprinzips
der es auch historische Fotoaufnahmen gibt. Zwei Mitarbeiter von Fowler und Baker haben dank der Gegengewichte in Form von aufgestapelten Backsteinen keinerlei Mühe, einen weiteren Mann zwischen den "Auslegern" zu tragen. Als symbolische Verneigung vor der asiatischen Herkunft der Auslegerbrücken, plazierte Baker seinen Assistenten Kaichi Wantanabe in der Mitte der Versuchsanordnung.


12 Caissons geben Standsicherheit

Die beiden Ingenieure planten eine Brücke mit insgesamt sechs Auslegern, zwischen die zwei 107 m lange Gerberträger eingehängt sind. Bei diesem nach dem deutschen Ingenieur Heinrich Gerber benannten System wird der relativ kurze Träger mit Gelenken zwischen den Auslegern befestigt. Dadurch erhält man ein statisch bestimmtes System, bei dem der Kräfteverlauf im Bauwerk besser zu berechnen ist. Außerdem führen unterschiedliche Setzungen der Fundamente nicht gleich zu Beschädigungen, weil sie durch die Gelenke ausgeglichen werden können. Auslegerbrücken dieser Größenordnung waren vorher natürlich noch nirgendwo gebaut worden aber die Firth of Forth Brücke verhalf dem Gerberträger schließlich zum internationalen Durchbruch.

Die Bauarbeiten für die Forth Brücke begannen also zum zweiten Mal im Jahre 1882 mit den Fundamenten für die Ausleger. Zum Chefingenieur auf der Baustelle wurde der junge William Arrol bestellt. Obwohl sie in Ufernähe bzw. auf Inchgarvie ausgeführt werden konnten, mussten alle 12 Fundamentpfeiler im Caissonverfahren gegründet werden. Die Durchmesser der kreisrunden Caissons betrugen bis zu 21 m in denen maximal 27 Arbeiter damit beschäftigt waren, sich langsam nach unten zu graben. Nach dem Erreichen tragfähigen Untergrundes wurde der gesamte Caisson mit Beton verfüllt. Es war eine monatelange, außerordentlich anstrengende Arbeit, denn die Druckluftkästen mussten bis zu 30 m unter die Wasseroberfläche getrieben werden.

Die Türme wachsen in den Himmel

Die Katastrophe am Tay beeinflusst jede Phase der Bauarbeiten

Neben der Wahl des Brückensystems führten die negativen Erfahrungen am Tay zu einer ständigen Überprüfung aller technischen Lösungen und Bauverfahren. Während Bouch noch das spröde Gusseisen verwendet hatte, machte man sich nun den gerade erst entwickelten Siemens-Martin-Stahl zu nutze. Ein Baustoff mit wesentlich besseren Eigenschaften, besonders hinsichtlich seiner Zug- und Biegefestigkeit. Aber auch was die Lastannahmen angeht hatte man aus den früheren Fehlern gelernt.

Eine der Hauptursachen für die Katastrophe am Tay waren die völlig unterschätzten Windkräfte gewesen, weil Bouch bei deren Ansatz auf über 100 Jahre alte Tabellen zurückgegriffen hatte. Die Wetterverhältnisse am Firth of Forth sind natürlich ganz ähnlich und daher musste dieser Frage besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Da es zu dieser Zeit aber keine genaueren Lastannahmen für seitlichen Winddruck gab, mussten sich Fowler und Baker etwas anderes einfallen lassen. Dabei bewiesen sie ein hohes Maß an Einfallsreichtum und ingenieurtechnischem Geschick. Auf Inchgarvie befand sich an einer exponierten Stelle eine kleine Holzhütte, an deren Nordost-Seite seit vielen Jahren eine Fensterscheibe den heftigsten Stürmen getrotzt hatte. Diese Glasscheibe baute man aus und belastete sie in einem horizontalen Versuchsaufbau mit einer langsam zunehmenden Menge Sand. Als die Scheibe schließlich brach, hatte man eine Drucklast ermittelt, die offensichtlich noch niemals auf diese Scheibe eingewirkt hatte. Mit Hilfe dieses Versuches konnten dann entsprechende Lastannahmen für die Brücke getroffen werden.

Die Konstrukteure versuchten bei Allem ein größtmögliches Maß an Sicherheit zu gewährleisten. Und das sieht man auch: die Brücke wurde unglaublich wuchtig und massiv. Auf manchen Fotos wirkt sie wie eine Gruppe Dinosaurier, die im Gänsemarsch durch den Forth watet. Aus heutiger Sicht ist die Brücke deutlich überdimensioniert, denn mit modernen Berechnungsmethoden kommt man auf eine fünffache statische Sicherheit, während man heute im Allgemeinen mit 2 ½-facher Sicherheit kalkuliert.


5000 Arbeiter aber keine Sicherheitsvorkehrungen

Aus Gleichgewichtsgründen wurden die Ausleger von den 105 m hohen Türmen ausgehend in beide Richtungen gleichzeitig montiert.
Blick aus dem Stahlgewirr auf einen der Pfeiler
© Bernhard Niespodziany
Die besonders beeindruckenden Untergurte bestehen aus gebogenen Stahlblechen und haben Außendurchmesser von 3,66 m. Insgesamt wurden ca. 50.000 Tonnen Stahl benötigt, der durch ca. 6,5 Millionen Niete miteinander verbunden ist. Das gesamte Brückenbauwerk ist ca. 2,46 km lang. Der Zug erreicht die Hauptbrücke aus Richtung Süden kommend erst, nachdem er einen fast 1,5 km langen Viadukt überquert hat. Die freie Durchfahrtshöhe für die Schifffahrt beträgt 46 m, noch heute für die meisten Schiffe ausreichend.

Nach über siebenjähriger Bauzeit konnte die Brücke im Mai 1889 fertig gestellt und dem Eisenbahnverkehr übergeben werden. Sie galt als wahres Wunder der Technik und lockte bei ihrer Einweihungsfeier viele Prominente aus Politik und Gesellschaft an. Auch ein anderer großer Brückenbauer, Gustave Eiffel, ließ sich dieses Ereignis nicht entgehen.

Etwa 5000 Arbeiter waren am Bau der Firth of Forth Brücke beteiligt, nicht nur aus Schottland sondern auch aus Irland, Wales und England. Für die damaligen Verhältnisse also ein internationales Projekt. Zu den einzelnen Trupps gehörten auch viele Halbwüchsige, die vor allem bei den Nietarbeiten eingesetzt wurden. Sicherheitsvorschriften waren weitgehend unbekannt und Schutzhelme oder Absturzsicherungen gab es nicht. So verwundert es nicht, dass nach neueren Untersuchungen insgesamt 63 Männer bei den Arbeiten zu Tode kamen, darunter 7 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 16 Jahren. Wie man historischen Berichten entnehmen kann, hielt man die Zahl der Opfer bei einem Projekt dieser Größenordnung aber für normal und durchaus vertretbar.


Bis heute die zweitgrößte Auslegerbrücke der Welt

Alles in allem kostete die Brücke ca. 3,5 Millionen Pfund, die sich jedoch als gut angelegt erweisen sollten. Das Bauwerk wurde sowohl in ökonomischer, als auch in technischer Hinsicht ein großer Erfolg und brach viele Rekorde. Bei ihrer Fertigstellung war sie die Brücke mit der größten Spannweite der Welt und hielt diesen Rekord bis zur Fertigstellung der Quebec Bridge in Kanada im Jahre 1918. Seit 1964 in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft eine neue Straßenbrücke über den Forth errichtet wurde, geniest sie nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit der Brückenfreunde. Die Fachwerkträger-Hängebrücke hat eine Spannweite von 1.006 m und ist heute schon so stark ausgelastet, dass mittlerweile über eine dritte Forthbrücke nachgedacht wird.
Der Morgennebel lichtet sich
© Paul-Christian Max

Die Forth Railroad Bridge liegt auch heute noch auf der Haupteisenbahnlinie zwischen Edinburgh und Dundee und wird -obwohl die Schienenfahrzeuge inzwischen deutlich schwerer geworden sind- täglich von ca. 130 Zügen überquert. Auch weit über 100 Jahre nach ihrer Entstehung ist die Firth of Forth Bridge eine der eindrucksvollsten Brücken der Welt und bietet sowohl bei Tag, als auch beleuchtet bei Nacht, einen imposanten Anblick.


"To paint the Forth Bridge"

Zurzeit wird die Brücke in einer mehrjährigen Sanierung unter vollem Verkehr grundlegend überprüft, erforderlichenfalls repariert und anschließend mit einem mehrschichtigen Schutzanstrich versehen. Vorher muss die alte Farbe der Brücke komplett durch Sandstrahlen entfernt und das Strahlgut wegen der bleihaltigen Anteile abgesaugt werden. Die typische rotbraune Farbe der Brücke namens "Forth Bridge Red" wird bei dem neuen Schutzanstrich natürlich beibehalten. Rund 280.000 qm Gesamtfläche müssen auf diese Weise neu beschichtet werden. "To paint the Forth Bridge" ist in Schottland übrigens ein Synonym für eine niemals enden wollende Herkulesarbeit.

Bei der Sanierung werden alle Bauteile ausführlich auf ihre Tragfähigkeit und hinsichtlich Rostbefalls überprüft. Wenn erforderlich werden einzelne Bauteile ausgetauscht. Wegen der unterschiedlichen Stahlqualitäten von damals und heute, kann das Ersatzteil aber nicht angeschweißt werden, sondern wird wie früher genietet. Im Laufe der Sanierungsarbeiten wurde auch festgestellt, dass sich die Fundamente der Brücke um keinen Millimeter gesetzt haben, was wiederum die außergewöhnliche Stabilität der Brücke unter Beweis stellt. Nach Abschluss der aufwändigen Sanierung, die ein schottisches Tochterunternehmen der ThyssenKrupp Services durchführt, wird die Brücke sicherlich noch viele weitere Jahre den Eisenbahnverkehr über den Forth tragen.




Quellen:
David J. Brown: "Brücken, kühne Konstruktionen über Flüsse, Täler, Meere"
Bernhard Graf: "Die schönsten Brücken der Welt"
www.wikipedia.de

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Volker Adrian, Gevelsberg
Paul-Christian Max
Bernhard Niespodziany, Hilden
Hartmut Schulz
© Dipl.Ingl. Bernd Nebel