Robert Maillart

06.02.1872 - 05.04.1940


Robert Maillart
"Robert Maillart war einer der wenigen echten Konstrukteure
unserer Epoche. Er dachte in Zusammenhängen, im Gesamten"
Max Bill (1947)

Der Schweizer Robert Maillart gilt heute als einer der einflussreichsten Ingenieure des 20. Jahrhunderts. Er nahm sich voll und ganz dem neuen Material "Eisenbeton" an und schuf viele richtungweisende Brücken und weit gespannte Industriebauten

Robert Maillart wurde am 06.02.1872 in Bern, als fünftes Kind eines aus Belgien stammenden Bankiers geboren. Sein Vater verstarb jung, als er erst zwei Jahre alt war. Er besuchte das Gymnasium in Bern und bestand im Jahre 1889 seine Matura. Noch im gleichen Jahr meldete er sich am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich zum Ingenieurstudium an. Er wurde jedoch zunächst abgewiesen, weil er das vorgeschriebene Mindestalter noch nicht erreicht hatte. Durch diese unfreiwillige Wartezeit konnte er das Studium des Bauingenieurwesens erst im Jahre 1890 antreten. Zu seinen Lehrern gehörte unter anderem Karl Wilhelm Ritter (1847-1906), bei dem Maillart die von Carl Culmann entwickelte "Graphische Statik" und Brückenbau erlernte. 1894 schloss er das Studium als Bauingenieur ab und verfügte somit über eine der besten theoretischen Ingenieurausbildungen seiner Zeit.


Erste Schritte einer großen Karriere

In den beiden ersten Jahren seiner beruflichen Laufbahn arbeitete Maillart für das Ingenieurbüro "Pümpin & Herzog" in Zürich. Bereits bei dieser Tätigkeit assistierte er beim Entwurf kleinerer Brücken. Im Jahre 1896 ging er zum Tiefbauamt der Stadt Zürich und plante hier als ersten größeren Entwurf die Stauffacherbrücke über die Sihl. Fünf Jahre später wurde die Brücke nach seinen Plänen gebaut.

Doch es hielt Maillart nicht lange im Staatsdienst und er ging zum Ingenieurbüro Froté & Westermann, das sich auf die Ausführung von Eisenbetonbauwerken spezialisiert hatte. Für dieses Büro entwarf Maillart die Innbrücke in Zuoz, die im Laufe des Jahres 1901 vollendet wurde.

Während der Bauarbeiten an der Innbrücke lernte er in seinem Hotel in Zuoz zufällig die Italienerin Maria Ronconi kennen, die er noch im gleichen Jahr in Bern heiratete und mit der er später drei Kinder hatte. Die Familie ließ sich zunächst in Zürich nieder und Robert Maillart gründete mit zwei Teilhabern die Baufirma "Maillart & Cie". Die Firma beteiligte sich vorwiegend an Ausschreibungen für Brücken, nahm aber immer wieder auch andere Betonbau-Aufträge an.

Das erste größere Brückenprojekt seiner Firma war der Bau der Tavanasa-Brücke über den Rhein im Jahre 1905. Bei dieser Brücke löste er erstmalig die durchgehenden seitlichen Wände über dem Bogen auf und näherte sich allmählich an die später häufig von ihm verwendete Bogenform an. Leider wurde die Tavanasa-Brücke bereits 1927 von einem Erdrutsch zerstört, so dass es heute nur noch wenige Schwarz-Weiß-Fotografien von dieser Brücke gibt.

Das Filtergebäude in Rorschach am Bodensee mit den pilzförmigen Stützen
(Baujahr 1912, abgebrochen 2010).

Die unterzuglose "Pilzdecke"

Maillart beschränkte sich aber keineswegs nur auf den Brückenbau, sondern versuchte auch immer wieder Hochbauprojekte für seine Firma an Land zu ziehen. Seine größte Erfindung auf diesem Gebiet sollte die unterzuglose Decke -die so genannte "Pilzdecke"- werden, die er bereits 1908 zum Patent anmeldete. Da es für diese neuartige Bauweise keine Berechnungsverfahren gab, führte er auf seinem Firmengelände umfangreiche Versuche mit hoch belasteten Platten durch, deren Ergebnisse er in Fachzeitschriften veröffentlichte.

Den ersten Auftrag zum Bau einer solchen Pilzdecke erhielt Maillart für das Züricher Lagerhaus in der Giesshübelstraße. Dieses mehrstöckige Gebäude wurde für eine Last von 2000 kg/m² bemessen und besteht noch heute. Beim Bau eines Filtergebäudes für die Trinkwasserversorgung in Rorschach am Bodensee kam ebenfalls seine Pilzdecke zum Einsatz. Das Gebäude wurde durch eine Erddeckung sehr stark belastet, so dass die Stützen enorme Kräfte aufnehmen mussten. Auf Grund eines Volksentscheides wurde das historische Gebäude im Jahre 2010 (kurz vor seinem 100-jährigen Bestehen) abgerissen.

Durch seine vielfältigen Aktivitäten und Veröffentlichungen machte sich Maillart in Fachkreisen allmählich einen Namen und erhielt im Jahre 1911 einen Lehrauftrag für das Fach "Eisenbetonbau" an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Aus zeitlichen Gründen übte er seine Lehrtätigkeit in den nächsten Jahren jedoch nur sehr eingeschränkt aus.

Besonders die Pilzdecken machten das Unternehmen international bekannt und es ergaben sich eine ganze Reihe von ausländischen Aufträgen für Industriebauten und Hallen.


Exil in Russland während des 1.Weltkrieges

Im Sommer 1914 hielt sich Maillart geschäftlich in Riga (heute Lettland) auf, wo ihn seine Frau mit den drei Kindern während der Sommerferien besuchte. Unmittelbar vor der Abreise seiner Familie brach überraschend der erste Weltkrieg aus und Maillart beschloss, die Situation abzuwarten und die Familie vorläufig nicht in die Schweiz zurück zu schicken.

Durch die Kriegswirren sah sich Maillart gezwungen, mit seiner Familie zuerst nach St. Petersburg und dann nach Charkow (heute in der Ukraine) umzuziehen. Maillart ging aber weiter seinen Geschäften nach und errichtete in Charkow eine große Industriehalle. Auf der Baustelle waren zeitweise mehr als 1000 Arbeiter beschäftigt.

Der Zwangsaufenthalt in Russland dauerte insgesamt fünf Jahre und hatte dramatische Folgen für das Leben Maillarts. Im Jahre 1916 - noch in Carkow - verstarb seine Frau nach einer schweren Krankheit und er war mit seinen drei Kindern auf sich alleine gestellt. Nach Kriegsende (1919) kehrte Maillart in die Schweiz zurück, doch seine finanzielle Situation hatte sich durch den Krieg dramatisch verschlechtert. Er hatte fast sein gesamtes Vermögen in ein Graphitbergwerk gesteckt und dieses nun verloren. Auch die Baufirma existierte nicht mehr. Nur durch die finanzielle Unterstützung seiner Familie war es Maillart möglich, in Genf ein eigenes Ingenieurbüro zu gründen. Etwa bis 1924 blieb seine wirtschaftliche Lage weiterhin sehr angespannt, denn nach Kriegsende gab es, vor allem im Brückenbau, zunächst nur wenige öffentliche Aufträge.

Die Traubbachbrücke bei Habkern (1932)

Am meisten brachten noch immer die Pilzdecken ein und er erhielt entsprechende Aufträge für Industriebauten in der Schweiz, in Spanien, Russland und Frankreich. In Deutschland wurden zunächst aber keine Decken nach dem System Maillarts gebaut, weil die Baubehörden die Pilzdecken nicht genehmigten.


Ideen in Beton gegossen

Seine Leidenschaft für den Brückenbau kam in dieser Zeit vollständig zum erliegen, denn kurz nach dem Krieg fehlte überall das Geld. Da kam ihm im Jahre 1925 überraschend eine Volksbefragung in Graubünden zu Hilfe, durch die der private Autoverkehr erlaubt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Kanton Graubünden nämlich der letzte Winkel Europas gewesen, in dem sich die Bevölkerung der allgemeinen Motorisierung in den Weg stellte. Durch diese Entscheidung kam es nun aber zu einem regionalen Boom im Straßen- und Brückenbau. Maillart zog nun vermehrt Aufträge für den Bau von Straßenbrücken an Land und sah sich schon bald in die Lage versetzt, Zweigniederlassungen in Bern und Zürich zu gründen. Er hatte inzwischen auch kompetente Mitarbeiter eingestellt und war nun an vielen Brückenbauprojekten in der Schweiz beteiligt.

Obwohl er dem generellen Konstruktionstyp seiner Brücken treu blieb, entwickelte er einen unglaublichen Ideenreichtum und variierte das Thema auf immer neue Weise. Dabei verlor er neben dem allgegenwärtigen Kostendruck niemals den ästhetischen Aspekt seiner Arbeit aus dem Auge. Obwohl er viele ähnliche Brücken baute, wiederholte er sich doch niemals und entwickelte sich ständig weiter.

Maillarts bekanntestes Bauwerk wurde die Salginatobelbrücke (1930) bei Schiers im Kanton Graubünden. Dieses Bauwerk, dem eine eigene Seite innerhalb dieses Internetangebotes gewidmet ist, hat zwar die größte Spannweite aller Brücken Maillarts, repräsentiert aber keineswegs den alleinigen Höhepunkt seines Schaffens. Die nebenstehende Tabelle zeigt eine Auswahl der Brückenprojekte, an denen Robert Maillart in der Zeit von 1925 - 1940 beteiligt war. Die Zusammenstellung ist aber bei weitem nicht vollständig, denn Maillart war an mindestens 40 Brückenprojekten in der Schweiz direkt beteiligt.


Internationale Ehrungen und gesundheitliche Probleme

Etwa ab seinem 60 Lebensjahr wurde Maillart mehr und mehr von gesundheitlichen Problemen geplagt. Am 15. Oktober 1931 erlitt er auf der Heimfahrt von einer Baustellenbesichtigung bei Heimberg (Bern) einen schweren Autounfall. Zunächst wurde aber nur ein gebrochener Knöchel diagnostiziert. Maillart war gezwungen einige Zeit im Bett zu verbringen und anschließend einen Gehstock zu benutzen. Sein ständiges Unwohlsein führte jedoch zu weiteren Arztbesuchen. Etwa ein halbes Jahr nach dem Unfall wurden schließlich innere Verletzungen festgestellt. Trotz Operationen und zahlreicher Kuraufenthalte erholte er sich nie vollständig von den Unfallfolgen. Am 5. April 1940, wenige Tage nach einer erneuten Operation, verstarb Robert Maillart in einem Krankenhaus in Genf. Er wurde 68 Jahre alt.

Die Thurbrücke bei Felsegg (1933)

Noch zu seinen Lebzeiten wurden Robert Maillart mehrere bedeutende Ehrungen zuteil, wie z.B. die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des "Royal Institute of British Architects" im Jahre 1937 sowie des Schweizerischen Ingenieur- u. Architektenvereins. Dennoch war Robert Maillart zum Zeitpunkt seines Todes außerhalb der schweizer Landesgrenzen so gut wie unbekannt. Das änderte sich erst durch verschiedene Publikationen über das Werk Maillarts, unter anderem von Siegfried Giedion und dem bekannten Bauhaus-Architekten Max Bill.

Eine ganz besondere Ehre wurde ihm erst im Jahre 1991 durch die Ernennung der Salginatobelbrücke zur "International Historic Zivil Engineering Landmark" zuteil. Diese Auszeichung wird von der Amerikanischen Ingenieurvereinigung vergeben und prämierte bis heute nur ca. 30 herausragende Bauwerke, wie z.B. den Eiffelturm in Paris oder die Freiheitsstatue in New York.

Der Einfluß Maillarts auf die Entwicklung der Betontechnologie und die Gestaltung von Stahlbetonbauwerken ist noch heute spürbar und wird durch eine Generation von jüngeren Ingenieuren die sich Maillart verpflichtet fühlen, wie z.B. dem Schweizer Christian Menn, am Leben erhalten.

Quellen:
  • Eberhard Schunck, Ekkehard Ramm: "Beiträge zur Geschichte des Bauingenieurwesens - Heft 2: Robert Maillart 1872-1940"; Stuttgart (1991)
  • David P. Billington: "Robert Maillart und die Kunst des Stahlbetonbaus"; Zürich und München (1990)
  • David P. Billington: "Robert Maillart - Baumeister und Brückenbauer". Veröffentlicht in "Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik - Fünf Schweizer Brückenbauer" Zürich (1985)
  • Peter Marti: "Robert Maillart: Beton-Virtuose"; Zürich (1996)
  • David J. Brown: "Brücken - Kühne Konstruktionen über Flüsse, Täler, Meere"; München (2005)
  • Nachruf auf Robert Maillart in der Schweizerischen Bauzeitung, Jahrgang 1940, Seite 224
  • u.a.
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www.bernd-nebel.de

© Dipl.Ing. Bernd Nebel