Die Engelsbrücke

ursprünglich "Pons Aelius", italienisch: "Ponte S.Angelo"

Rom, Italien




© Uwe Thon

Name: Engelsbrücke
Ponte S.Angelo
Pons Aelius
Ort: Rom
Land: Italien
Konstruktionstyp: Steinbogenbrücke
Fertigstellung: 134 n.Chr.
Verkehrsart (heute): Fußgänger und Radfahrer
Material: Travertin
Gesamtlänge: 135 m
Größte Spannweite: 18 m
In der Antike galt sie als die schönste Brücke der Welt aber erst im Mittelalter erhielt sie ihr heutiges Aussehen durch die Engel von Bernini. Zusammen mit der Engelsburg ist sie heute eines der Wahrzeichen Roms und ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt

Neben einer Vielzahl früher Holzbrücken gab es im antiken Rom insgesamt acht Steinbogenbrücken, von denen fünf über den Tiber führten. Vermutlich die erste steinerne Brücke Roms war der Pons Aemilius (241 (?) v.Chr.), heute "Ponte Rotto" genannt, von der nur noch ein einzelner Bogen erhalten ist.

Die erste Erwähnung der Milvischen Brücke "Pons Milvius" stammt aus dem Jahre 207 v.Chr., so dass sie ähnlich alt sein dürfte wie der Ponte Rotto. Als nächstes entstand der Ponte Fabricius (62 v.Chr.), der heute auch "Ponte Quattro Capi" genannt wird. Sie führt beim Amphietheater des Marcellus auf die Tiberinsel und ist die älteste vollständig erhaltene antike Brücke Roms. Ebenfalls noch in einem guten Zustand befindet sich der Ponte San Bartolomeo, ursprünglich Pons Cestius genannt, aus dem Jahre 44 v.Chr.


Publius Aelius Hadrianus gibt den Auftrag für die Engelsbrücke

Die Engelsbrücke aber ist die jüngste und vollkommenste, zugleich aber auch die am besten erhaltene antike Brücke Roms. Im Altertum
Der Bogen rechts entspricht dem Originalzustand, während
das linke Gewölbe erst bei einer Renovierung im 19. Jhd. hinzugefügt wurde

© Lutz-Henrik Basch
galt sie als die schönste Brücke der Welt und das sicher nicht ganz zu Unrecht. Wie Fischer von Erlachs Stich zeigt, entspricht ihre Bausubstanz heute im Wesentlichen noch dem historischen Zustand, obwohl sich ihr Aussehen im Laufe der Jahrhunderte etwas verändert hat.

Der Bau der Engelsbrücke steht in engem Zusammenhang mit der gleichzeitigen Errichtung der Engelsburg. Dieses gewaltige Bauwerk mit kreisrundem Grundriss ließ Kaiser Hadrian (76 - 138 n.Chr.) als seine Grabstätte errichten. Hadrian stammte aus Italica in Südspanien und wurde im Jahre 117 n.Chr. römischer Kaiser. Allerdings erlebte er die Vollendung seines Mausoleums nicht mehr, denn er starb bereits ein Jahr vorher.

Im Mittelalter wurde die Engelsburg zur Festung ausgebaut, war aber zeitweise auch Gefängnis oder Hinrichtungsstätte und schließlich eine Fluchtburg für die Päpste. Ein verborgener Gang, der so genannte "Passetto", verbindet seit dem Mittelalter den Vatikan mit der Engelsburg.

Im antiken Rom führte die Engelsbrücke vom Marsfeld über den Tiber direkt auf das beeindruckende Bauwerk zu und bildet bis heute eine architektonische Einheit mit der Burg. Kaiser Hadrian hieß mit vollem Namen Publius Aelius Hadrianus und nach ihm wurde die Brücke "Pons Aelius" genannt. Auch die Engelsburg trug ursprünglich einen anderen Namen, nämlich "Mole Adriana". Der Name Engelsburg oder auf Italienisch "Castel Sant'Angelo" entstand erst, als nach einer überstandenen Pestepidemie im Jahre 1753 eine bronzene Engelsskulptur auf ihrem Dach errichtet wurde.


Der römische Kastendamm und "Opus Caementitium" ermöglichen den Bau
Rekonstruktion des ursprünglichen Aussehens nach einer römischen Münze
Johann Bernhard Fischer von Erlach: "Entwurff Einer Historischen Architectur"
Leipzig, 1725

Die Engelsbrücke wurde in der Zeit von 130 bis 134 n.Chr. errichtet. Ihr Baumeister soll Messius Rusticus gewesen sein. An anderer Stelle wird hier allerdings auch Demetrianus genannt, der Architekt der Engelsburg. Über den Bau der Brücke gibt es keine spezifischen Quellen, aber über die Art wie die Römer ein solches Projekt angingen ist doch sehr viel bekannt. Besonders das Werk "De Architectura" (27 n.Chr.) des Militäringenieurs Marcus Vitruvius Pollio gibt uns einen detaillierten Einblick in die römische Brückenbaukunst. Bemerkenswert ist die Gründung der mittleren Pfeiler im Tiber, die überhaupt nur möglich war, weil die Römer bereits einen Beton namens "Opus Caementitium" kannten, der auch unter Wasser abbindet. Die Bögen bestanden wie bei fast allen römischen Steinbrücken aus exakten Halbkreisen. Trotz enormer Fähigkeiten im römischen Steinbrückenbau ging die Entwicklung erst in spätrömischer Zeit bis zum Segmentbogen weiter.

Das ursprüngliche Aussehen der Brücke lag lange Zeit im Dunklen. Im Mittelalter glaubten viele namhafte Künstler und Gelehrte sogar, die Brücke sei ursprünglich überdacht gewesen. Erst die Rückseite einer Münze aus hadrianischer Zeit brachte Klarheit: die Brücke hatte kein Dach aber auf jeder Seite standen vier bronzene Statuen, Siegesgöttinnen mit Lorbeerkränzen zu Ehren Hadrians. Im Zentrum über dem Tiber waren drei große Bögen vorhanden, die noch heute im Originalzustand erhalten sind. An den Uferseiten gab es jeweils zwei kleinere, höher gelegene Bögen. Eine Vorstellung vom Aussehen der Brücke im Mittelalter, vor der Umgestaltung durch Bernini, gibt die abgebildete Vedute von Giovanni Battista Piranesi (1720-1778).
Vedute von Giovanni Battista Piranesi

Piranesi zeigt uns die Brücke ohne Brüstung und ohne die Engelsfiguren, obwohl diese schon fast 100 Jahre früher hinzugefügt wurden. Sein Interesse galt vor allem denjenigen Details, die der Betrachter normalerweise nicht wahrnimmt, wie z.B. die Fundamentierung. Piranesi lässt hier seiner Fantasie freien Lauf, ohne zu wissen wie die Brücke wirklich gegründet wurde. Und er irrt sich mit seiner Interpretation auch gewaltig.

Schon vor Piranesis berühmten Werken wurden wesentliche Änderungen an der Brücke vorgenommen. So ließ Papst Nikolaus V das gesamte Bauwerk im Jahre 1450 vollständig renovieren. Auch Papst Clemens IX führte verschiedene Änderungen durch und ließ Apostelstatuen aufstellen.

Im Zuge der diversen Umbauarbeiten wurde irgendwann auch ein wesentliches Element der Brücke durch seitliche Vorbauten verdeckt, nämlich die runden Flutöffnungen oberhalb der Pfeiler. Eine Vorstellung dieses sinnvollen Details gibt zum Beispiel der heute noch vorhandene Pons Fabricius. Durch die Öffnungen wurde einerseits Gewicht eingespart und andererseits ein Notüberlauf für Hochwasser geschaffen. Der Druck auf die Oberstromseite der Brücke und die Pfeiler konnte dadurch entscheidend verringert werden. Dass die Engelsbrücke ebenfalls solche Öffnungen besaß, entdeckte man erst bei einer weiteren Renovierung im Jahre 1892.


Bernini macht die Brücke zum Kunstwerk

Die wichtigsten und bis heute für das Gesamterscheinungsbild prägenden Änderungen, wurden 1671 im Auftrag von Papst Clemens IX durchgeführt. Vermutlich auf den Vorschlag von Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) ließ er 10 Engelsstatuen aufstellen, die der Brücke
Der Engel mit dem Kreuz von Ercole Ferrata
© Guido Karl
auch ihren heutigen Namen gaben. Jeder der Engel trägt ein Symbol des Leidensweges der Passionsgeschichte, also Geißel, Dornenkrone, Kreuz, Nägel, Lanze usw. Dabei entspricht die Anordnung der Symbole auf der Brücke der liturgischen Abfolge des Kreuzweges.

Allerdings fertigte Bernini nicht alle Skulpturen selbst an, wie immer wieder behauptet wird, sondern letztendlich nur einen der heute auf der Brücke stehenden Engel. Bernini entwarf aber alle zehn Statuen selbst und fertigte plastische Vorentwürfe von ihnen an, die dann von seinen talentiertesten Schülern ausgearbeitet wurden. Bernini selbst fertigte zunächst zwei Statuen persönlich an, nämlich den mit der Kreuzesinschrift "INRI" und den Engel mit dem Dornenkranz. Kurz vor ihrer Fertigstellung nahm der Papst die beiden Statuen Berninis persönlich in Augenschein und war fasziniert. Er kam zu dem Schluss, dass diese Meisterwerke unmöglich den Angriffen von Wind und Regen auf der Brücke ausgesetzt werden dürften und bestellte umgehend Kopien dieser beiden Engel, die von Berninis Schülern ausgeführt werden sollten.

Die Vorstellung, dass auf der Brücke letztendlich keine einzige von eigener Hand gefertigte Statue stehen würde, gefiel Bernini allerdings überhaupt nicht. Obwohl er schon über 70 Jahre alt war und knapp zwei Jahre lang die außerordentlich anstrengende Arbeit an den Originalstatuen verrichtet hatte, ließ er es sich nicht nehmen eine der Kopien selbst anzufertigen. Er wählte den Engel mit der Kreuzesinschrift, der heute also die einzige Statue von Bernini auf der Brücke ist. Genau genommen handelt es sich aber nicht um eine "Kopie" in diesem Sinne, sondern beide sind doch recht stark voneinander abweichende, selbständige Skulpturen. Die beiden ursprünglich von Bernini hergestellten "Originale" befinden sich heute in der Kirche St. Andrea delle Fratte in Rom. Ironie des Schicksals: Kuppel und Glockenturm dieser Kirche stammen von Berninis lebenslangem Konkurrenten und Gegenspieler Francesco Borromini.


Ein kostenloser Höhepunkt jedes Rom-Besuches

Bernini führte aber auch noch eine andere, architektonisch sehr bedeutsame Veränderung an der Brücke durch, nämlich die Umgestaltung der Brüstungen. Im Abstand von mehreren Metern errichtet er Säulen aus Travertinquadern, zwischen denen er Bronzegitter einhängte. Vorher bestand die Brüstung aus durchgehenden massiven Steinmauern die wesentlich plumper wirkten als die durchlässigen leichten Metallgeländer.

Tragischerweise erlebte Papst Clemens IX die Vollendung der von ihm veranlassten Brückensanierung nicht mehr, denn er starb
Geschichte pur: Berninis Engel und Hadrians Burg
© Michael Opitz
nach nur zweijährigem Pontifikat im Dezember 1669. Im September waren zwar schon die ersten fünf Statuen aufgestellt worden, aber Bernini war mit "seinem" Engel erst im Oktober 1671 so zufrieden, dass er ihn als letzte der Skulpturen auf der Brücke aufstellen ließ.

Nach der Verlängerung der Brücke durch die beiden äußeren Bögen im Jahre 1892 hat sie nun eine Gesamtlänge von 135 m. Die Bögen haben Spannweiten von ca. 18 m bei einer Höhe von etwa 7 m. Die Engelsbrücke ist heute eine der bekanntesten, meistbesuchten und meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Roms und das -wie immer bei Brücken- obwohl sie völlig kostenlos besichtigt werden kann.

Jedem Besucher Roms kann man nur empfehlen sich ein wenig Zeit zu nehmen und in aller Ruhe über die heute ausschließlich Fußgängern und Radfahrern vorbehaltene Brücke zu schlendern. Denn an kaum einem anderen Ort dieser unglaublichen Stadt kann man angesichts des 2000 Jahre alten Bauwerks, inmitten der filigranen Engel Berninis und im Angesicht der beeindruckenden Fassade des hadrianischen Mausoleums Geschichte derartig spüren, wie hier.




Quellen:
David J. Brown: "Brücken"
Bernhard Graf: "Brücken, die die Welt verbinden"
Helmuth Schneider: "Die Brücken im Imperium Romanum"
Hans Gerhard Evers: "Die Engelsbrücke in Rom von Giov. Lorenzo Bernini"
Silvia Koci Montanari: "Die antiken Brücken von Rom"
Mehrtens: "Der Brückenbau sonst und jetzt" (1898)

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© Dipl.Ing. Bernd Nebel