Die Brücke von Alcántara

ursprünglich: Puente Trajano

Alcántara, Spanien


Die Brücke von Alcántara: ein 2000 Jahre altes Monument römischer Technik und Architektur

Vor fast 2000 Jahren entstand in der auch heute noch spärlich besiedelten Extremadura einer der Höhepunkte der römischen Brückenbaukunst. Die gewaltige Steinbogenbrücke von Alcantara gilt heute als die am besten erhaltene Brücke des römischen Imperiums.

Der Rio Tajo ist mit über 1000 km der längste und wasserreichste Fluss der iberischen Halbinsel. Bei Lissabon mündet der Strom, den die Römer "Tagus" nannten und der in Portugal heute "Tejo" heißt, in den Atlantik. Auf seinem Weg durch die eigentümliche Landschaft der Extremadura, frisst er sich bei Alcántara, im spanisch/ portugiesischen Grenzgebiet, eine tiefe Schlucht in den felsigen Untergrund.

Kaiser Trajan befiehlt den Bau einer Brücke

An dieser Stelle sollte nach dem Willen des römischen Kaisers Trajan eine monumentale und dauerhafte Brücke errichtet werden. Marcus Ulpius Traianus (53-117 n.Chr.) stammte aus Italica in der Nähe von Sevilla und war der erste Kaiser, der nicht direkt aus Rom, sondern aus einer der Provinzen stammte. Trajan war ein sehr erfolgreicher Feldherr und verhalf dem römischen Reich während seiner Regierungszeit zu seiner größten Ausdehnung. Wie sein Nachfolger Hadrian liebte er es aber auch zu bauen und hinterließ der Nachwelt in Rom unter anderem das Trajansforum und die Trajansthermen.

Die Gründe für den Bau der Brücke von Alcantara sind vielschichtig aber sicher nicht nur wirtschaftlicher und strategischer Natur. Ein intaktes Straßennetz war insbesondere für das römische Militär von größter Wichtigkeit, denn die Beweglichkeit der einzelnen Truppenteile war die Voraussetzung dafür, ein solch riesiges Reich wirklich beherrschen zu können. Die Brücke von Alcántara war ein Teil der Straße mit der die Stadt Norba Caesarea (Cáceres) mit der westlich gelegenen Region Beira Alta (heute eine Provinz in Portugal) verbunden wurde.

Weit entfernt von den Machtzentren des römischen Imperiums ging es aber sicherlich auch darum, ein Monument für die technische und militärische Überlegenheit Roms zu errichten. Man kann sich die Wirkung dieser Brücke in der kargen Einöde der Extremadura auf die Menschen der damaligen Zeit durchaus vorstellen. Jeder Reisende der hier vorbeikam, staunte sicherlich nicht schlecht über diese eindrucksvolle Demonstration römischer Macht. Kaum jemand, der diese Brücke in den nächsten Jahrhunderten benutzte, dürfte jemals zuvor ein solches Bauwerk gesehen haben.

Der Baumeister Gaius Julius Lacer

Bei römischen Brücken ist uns nur in wenigen Fällen der Name des verantwortlichen Baumeisters bekannt. Auf die Brücke von Alcántara trifft dies allerdings zu, denn zum Architekten und Bauleiter wurde ein Mann namens Gaius Julius Lacer bestellt. Wie alle römischen Brückenbauer war Lacer ein Militäringenieur, denn das Bauen von Brücken in den Provinzen war ausschließlich Sache der Truppe. Die Finanzierung des Baus wurde übrigens den elf umliegenden Städten in der Provinz Lusitania abverlangt, da sie ja auch den Hauptvorteil aus dieser Brücke zogen.

Dieser historische Stich zeigt das Aussehen der Brücke vor 1860. Die Fahrbahn
hatte ein Dachprofil mit dem höchsten Punkt unter dem Trajansbogen.

Die Bauarbeiten dauerten etwa von 98 bis 105 n. Chr. und wurden vermutlich größtenteils von Sklaven ausgeführt. Die Gründung der beiden Pfeiler im Wasser konnte ohne den aufwändigen römischen Kastendamm erfolgen, weil bereits in geringer Tiefe tragfähiges Gestein anstand. Dadurch musste nur die Schlammschicht beseitigt und der Fels entsprechend für die Pfeiler vorbereitet werden. Die riesigen Felsquader wurden, wie bei den Römern üblich, ohne Mörtel aufeinander gefügt, sodass sich das ganze Bauwerk nur aufgrund seines Eigengewichtes trägt. Diese Form des römischen Mauerwerks nennt man "Opus Quadratum". Um die gewaltigen Felsblöcke zu bewegen, hatten die Römer bereits ausgeklügelte Hebewerkzeuge und Flaschenzüge. Die Spannweite der Bögen variiert zwischen 13,80 und 28,80 Metern. Alle Bögen haben die typische Halbkreisform, von der die Römer beim Bau ihrer Steinbrücken nur in wenigen Ausnahmefällen abwichen.

Die Brücke von Alcantara zählt nicht nur zu den größten jemals von den Römern errichteten Bogenbrücken, sondern sie ist auf Grund ihrer gewaltigen Dimensionen, gepaart mit einer harmonischen Architektur, ein antikes Meisterwerk der Brückenbaukunst. Besonders beeindruckend ist dabei auch ihre Höhe: die etwa 8 m breite Fahrbahn befindet sich ca. 50 Meter über dem normalen Wasserspiegel des Tajo. Damit war sie die höchste Brücke im gesamten Imperium Romanum.

Die beiden mittleren der sechs Bögen haben Spannweiten von fast 30 Metern und gehören zu den weitesten, noch erhaltenen Brückenbögen der Antike. In der Mitte der Fahrbahn befindet sich der Triumphbogen des Kaisers Trajan, der eine Höhe von etwa 14 Metern hat. An seinen Mauern sind mehrere Steintafeln mit Inschriften aus verschiedenen Jahrhunderten angebracht. Neben einer Gravur zu Ehren des Kaisers werden auch die umliegenden Provinzen erwähnt, die sich am Bau der Brücke finanziell beteiligt hatten.

Die Brücke im Zentrum militärischer Auseinandersetzungen

Auch nach dem Untergang des römischen Reiches war die Brücke bei diversen kriegerischen Auseinandersetzungen immer wieder von entscheidender strategischer Bedeutung und wurde mehrfach schwer beschädigt.

Ab 711 drangen maurische Truppen von Tarifa aus nach Europa vor und besetzten in den folgenden Jahrzehnten fast die gesamte iberische Halbinsel. Die römische Brücke muss sie sehr beeindruckt haben, denn sie wird in der arabischen Literatur als wahres Wunder erwähnt. Die Mauren gründeten eine Stadt ganz in ihrer Nähe, die sie "Al Quantara" nannten, d.h. einfach "die Brücke". Bis heute tragen die kleine Stadt mit ca. 2000 Einwohnern und die Brücke diesen arabischen Namen.

Fast genau 500 Jahre später, im Jahre 1213, war die Reconquista (Rückeroberung Spaniens) so weit vorangeschritten, dass die Region um die Brücke von den christlichen Rittern zurück gewonnen wurde. Auf ihrem Rückzug zerstörten die Mauren einen der kleineren Brückenbögen, der erst 1543 unter Karl V (der in Spanien 'Carlos I' genannt wird) wieder hergestellt werden konnte. Die Tatsache, dass es über drei Jahrhunderte dauerte, ehe jemand dazu in der Lage war diesen Schaden zu beheben, zeigt einmal mehr den technischen Verfall nach dem Niedergang des römischen Imperiums. Im Zuge der Renovierungsarbeiten liess Karl V auch sein heute noch vorhandenes Doppeladler-Wappen am Triumphbogen des Trajan anbringen.

Der zentrale Pfeiler war der höchste im
gesamten Imperium Romanum

Die Fahrbahn verlief ursprünglich nicht genau horizontal, sondern hatte ein so genanntes Dachprofil. In der Mitte unter dem Trajansbogen war sie leicht erhöht, so dass sie nach beiden Seiten hin abfiel. Die heute vorhandene Begradigung der Fahrbahn erfolgte im Zuge einer weiteren Sanierung im Jahre 1860.

Zu einer zweiten Zerstörung eines Brückenbogens kam es 1707 im Laufe des spanischen Erbfolgekrieges. Diesmal dauerte es "nur" etwa 70 Jahre um den Schaden zu beheben. Die letzte größere Beschädigung ereignete sich am 14.05.1809 bei militärischen Auseinandersetzungen zwischen Truppen Napoleons und portugiesisch/ englischen Verbänden. Wiederum wurde einer der Bögen erheblich beschädigt, stürzte aber erst mehrere Monate nach dem Beschuss ein. Die Lücke wurde für einige Jahrzehnte durch Holzkonstruktionen überbrückt und erst 1869 durch Königin Isabella II endgültig wieder geschlossen.

Eine Brücke für die Ewigkeit

1988 gründete sich die Stiftung "San Bendito de Alcántara", welche die Brücke als ihr Symbol verwendet. Die Gruppe prämiert alljährlich architektonisch herausragende öffentliche Neubauten in Spanien, Portugal und Lateinamerika mit dem "Premio Internacional Puenta de Alcántara".

Über den römischen Baumeister Gaius Julius Lacer ist außer seiner Beteiligung am Bau der Brücke von Alcántara leider nicht viel bekannt. Vermutlich handelt es sich aber um sein größtes Projekt als Militäringenieur, denn man errichtete ihm zu Ehren am östlichen Brückenkopf einen kleinen Tempel, in dem er auch bestattet wurde. Die Inschrift auf seiner Grabplatte lautet: "Ich hinterlasse diese Brücke für alle Zeiten den Generationen der Welt".

Bis jetzt hält er Wort, denn die Brücke von Alcántara trotzt nun schon seit fast 2000 Jahren den Fluten des Rio Tajo und wird heute mehr denn je durch eine erhebliche Verkehrsbelastung in Anspruch genommen. Aber noch immer gilt sie als besonders gelungenes Beispiel für die Verbindung von Technik und Architektur.

Quellen:
  • Hans Richter: "Die Brücke des Baumeisters Lacer und sein Baustil"; Fulda (2011)
  • Helmut Schneider: "Die Brücken im Imperium Romanum"
  • Antonio Blanco Freijeiro: "El Puente de Alcantara en su Contexto Historico";
    Madrid (1977)
  • David J. Brown: "Brücken - Kühne Konstruktionen über Flüsse, Täler, Meere"
  • Bernhard Graf: "Die schönsten Brücken der Welt"
  • Dirk Bühler: "Brückenbau - Deutsches Museum München"
  • Charlotte Jurecka: "Brücken - Historische Entwicklung, Faszination der Technik"
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© Dipl.Ing. Bernd Nebel